Geduld bringt weiter als Heldentum

 Ein Denkanstoß von Harald Gäbel

Vor einigen Jahren erlebte ich auf einem Pfadfindercamp eine eigenartige Sache. Teilnehmer waren Kinder aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, also Herkunftsländer, die zu den reichsten auf dem Kontinent gehören. Umso mehr waren wir als Betreuende überrascht, was bei einem festlichen Abendbrotbuffet für diese vielen hundert Pfadfinder passierte. Es war darum gebeten, dass die Kinder jeweils Reihenweise an das Buffet herantraten, damit es nicht umgerissen würde. So gingen nach und nach immer etwa 30 Kinder nach vorn an die große Tafel. Berge von Essen und Getränken standen dort und warteten auf die Kinder. Alles war ansehnlich arrangiert. Natürlich würde es etliche Minuten dauern, bis auch die letzten Kinder an der Reihe waren.

Dazu sollte es aber nicht kommen. Die letzten 150 Kinder waren nicht in der Lage zu warten, bis sie dran waren. Irgendeins von ihnen stand plötzlich auf und lief nach vorn. Andere folgten umgehend und schließlich drängten die letzten Reihen nach. Wir Betreuer achteten nur noch darauf, dass keins der Kinder zu Fall kam und dass die Tafel unter dem Ansturm der Kinder nicht zusammenbrach. Selten war mir so anschaulich bewusst geworden was passieren kann, wenn Menschen es nicht mehr erwarten können, wenn sie die Spannung nicht aushalten, die Warten mit sich bringt.

Gerade warten alle, dass endlich erklärt wird, man habe das Corona-Virus im Griff. Denn dann könnten wir wieder zurückkehren in eine Welt, in der Abstandsregeln und Masken ihre Berechtigung im Alltag verlieren. Was aber, wenn es nicht so kommt oder wenigstens nicht so bald?

Geduld zu haben, wirklich warten zu können, das ist etwas anderes, als passiv zu bleiben und inaktiv. Wer geduldig ist, hält die Spannung aus, die in einer Situation, einer Beziehung oder einer Angelegenheit steckt. Das griechische Wort meint das „darunter bleiben unter einer Last“. Diese Erläuterung gefällt mir gut. Sie erinnert mich an Leute, die gemeinsam ein Klavier tragen. Dabei hat jeder seinen Anteil am großen, schweren Ganzen. Keiner kann sich einfach verabschieden und loslassen. Nur wenn alle aushalten bis die Last an ihrem Platz ist oder man sich zumindest einig war, dass man eine Atempause einlegt, nur dann geht es gut für alle aus. Wir wollen nicht, dass irgendeinem von unseren Freunden ein Klavier auf die Füße fällt.

Sind wir auch sonst so weitsichtig im Umgang miteinander? Haben wir die Zusammenhänge des Lebens und das Ganze im Blick, so gut wir eben können? Ist uns bewusst, wie häufig doch mehr dranhängt als nur das vordergründig Erkennbare? In der biblischen Sammlung kluger Merksätze (Buch der Sprüche) findet sich die bemerkenswerte Notiz: „Geduld bringt weiter als Heldentum; sich beherrschen ist besser als Städte erobern“ (Spr. 16,32 GN).

Schwierige Zeiten scheinen nach Helden zu verlangen. Mag sein, dass man Eindruck macht, wenn man den Knoten mit dem Schwert zerschlägt, wie es über Alexander den Großen berichtet wird. Dass darin nicht die beste Lösung besteht, zeigen die so genannten „Kollateralschäden“. Menschen oder Dinge werden in Mitleidenschaft gezogen, die möglicherweise in keinem Zusammenhang mit dem Auslöser des Problems stehen. So kommt zu einem Unrecht oft ein weiteres dazu. Um solche Schäden klein zu halten, sind die Geduldigen gefragt. Sie werden nicht vom Glanz der Helden verklärt. Aber ohne sie wird unsere Sehnsucht nach einer Welt, die einigermaßen die Balance wahrt, noch weniger gestillt, als es die Unwägbahrkeit des Weltgeschehens so schon mit sich bringt.

Dass wir in unserem Land verhältnismäßig gut dastehen im Blick auf das unsichtbare, aber zerstörerische Virus ist auch den vielen geschuldet, denen Geduld über Heldentum geht und die sich selbst im Griff behalten, bis die Bewegungs- und Spielräume für die Vielen bedenkenlos wiedereröffnet sind. Danke euch allen!

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